Neulich stand ich mit meinem Einkauf in der Küche und habe mich gefragt, ob der Schmand und die Sahne (Eigenmarken), die ich mitgebracht hatte, eigentlich von Müller stammen. Ich habe die Molkerei-Kennzeichnung auf den Packungen gegoogelt und konnte Entwarnung geben. Beim geriebenen Gouda, den ich ebenfalls gekauft hatte, hatte ich einen Treffer: Der stammte tatsächlich von Müller. Und Müller ist für mich ein Unternehmen, bei dem ich nicht kaufen möchte, weil Inhaber Theo Müller öffentlich Kontakte zur AfD eingeräumt und Sympathien für die Partei gezeigt hat. Ich habe mich über den Gouda geärgert, aber vor allem gemerkt, wie viel Mühe so ein einfacher Check eigentlich macht.
Welche Gründe für dich zählen, ob politische Nähe, Umweltbilanz, Tierwohl oder ganz andere Kriterien, entscheidest natürlich du selbst.
Auch Nestlé liefert Gründe, genauer hinzuschauen: 2025 warf ein Bericht des französischen Senats dem Konzern vor, jahrzehntelang verbotene Filtersysteme eingesetzt zu haben, um verunreinigtes Mineralwasser trotzdem als “natürliches Mineralwasser” zu verkaufen. Betroffen waren unter anderem die Marken Perrier, Hépar und Contrex. Der Staat soll das laut Untersuchungsausschuss über Jahre gedeckt haben.
Und in der Kakao-Lieferkette steht Nestlé seit Jahren wegen Kinderarbeit in der Kritik. Zuletzt reichten mehrere ehemals als Kinder verschleppte Arbeiter aus der Elfenbeinküste in den USA eine Sammelklage gegen Nestlé und weitere Schokoladenkonzerne ein.
Wenn bekannte Marken täuschen: das Beispiel Nestlé
Nestlé ist ein gutes Beispiel dafür, wie unübersichtlich Konzernstrukturen sein können. Der Konzern führt weltweit mehrere Tausend Marken, viele davon ohne sichtbaren Bezug zum Nestlé-Namen.
Diese bekannten Marken in Deutschland gehören zu Nestlé
Kaffee und Kakao: Nescafé, Nespresso, Dolce Gusto, Nesquik
Fertigprodukte: Maggi, Thomy, Buitoni, Original Wagner, Garden Gourmet
Süßwaren: KitKat, Smarties, After Eight, Lion, Nuts
Tiernahrung: Purina, Felix, Beneful, Gourmet, Pro Plan
Wasser: San Pellegrino, Acqua Panna, Sanbitter, Perrier, Contrex
Babynahrung: Beba
Alle Firmen in Deutschland listet Nestlé auf seiner Webseite. Alle Marken von Nestlé findest du hier.
Wer den Wasserskandal zum Anlass nimmt, Nestlé-Produkte zu meiden, muss also erst einmal wissen, dass beispielsweise San Pellegrino zum selben Konzern gehört.
Und damit nicht genug, denn es gibt ja nicht nur Nestlé mit einem kaum durchschaubaren Marken-Dschungel. Coca-Cola, Unilever, Danone, Mars, Mondelez, Kellogg‘s/Kellanova, Pepsico, General Mills und Associated British Foods vereinen viele verschiedene Marken in ihren Strukturen. Wer soll da noch durchblicken?
Auch deutsche Unternehmen verschleiern ihre Marken
Das Prinzip ist nicht nur bei den genannten Weltkonzernen zu finden. Auch deutsche Traditionsunternehmen setzen auf dasselbe Prinzip.
Henkel führt neben Wasch- und Reinigungsmarken wie Persil, Pril, Somat und Weißer Riese auch Haarpflegemarken wie Schwarzkopf, Syoss und Blondme, ohne dass der Bezug zueinander irgendwo auf der Verpackung steht.
Bei Dr. Oetker reicht das Portfolio noch weiter über Branchengrenzen hinweg: Zur Oetker-Gruppe gehören über die Radeberger-Gruppe mehr als 40 Biermarken, darunter Radeberger, Jever und Clausthaler, dazu Coppenrath & Wiese im Tiefkühlregal und der Sekthersteller Henkell.
Und hinter der Pflegemarke Nivea steckt Beiersdorf, zu dessen Portfolio auch Eucerin, Labello, Hansaplast und die eher unauffällige Marke Florena gehören.
Wer also gezielt ein Unternehmen meiden möchte, sollte auch bei scheinbar deutschen Traditionsmarken genau hinschauen, denn die Konzernstruktur dahinter ist oft ebenso wenig sichtbar wie bei Nestlé.
So wirkt die Feinkostmarke Homann vollkommen eigenständig, mit eigenem Auftritt und eigener Produktwelt. Tatsächlich gehört Homann seit 2011 zur Unternehmensgruppe Theo Müller, zu der auch Müller Milch, Landliebe und Weihenstephan zählen. Wer Müller wegen der AfD-Nähe des Inhabers meiden möchte, würde beim Griff zu Homann trotzdem beim selben Konzern landen, ohne dass die Verbindung auf der Verpackung steht. Genau das war ja auch mein Gouda-Problem.
Nicht jedes Unternehmen aus Handel und Konsumgüterbranche verhält sich in diese Richtung. Als der Verband “Die Familienunternehmer” 2025 sein Kontaktverbot zu AfD-Politikern aufhob, traten mehrere bekannte Firmen demonstrativ aus, darunter Rossmann und Vorwerk. Auch das gehört zum vollständigen Bild.
Zurück zur eigentlichen Frage: Warum ist das alles so unübersichtlich?
Kein Zufall, sondern Strategie
Diese Unübersichtlichkeit ist kein Zufall. In der Markenlehre heißt dieses Modell “House of Brands”: Jede Marke tritt bewusst eigenständig auf, mit eigenem Design, eigener Positionierung und ohne erkennbaren Bezug zur Konzernmutter.
Der Vorteil für die Unternehmen liegt auf der Hand. Gerät eine Marke in die Kritik, bleibt der Schaden meist auf diese eine Marke begrenzt. Die anderen Marken im Portfolio, und damit auch der Konzern als Ganzes, bleiben unberührt, weil kaum jemand die Verbindung kennt. Reputationsschutz ist in der Markenführung ein zentrales Thema, weil negative Publicity direkt den Unternehmenswert mindern kann. Genau davor schützt sich ein House of Brands sehr wirksam.
Das eigentliche Ungleichgewicht
Hier komme ich zum Kern, der mich am meisten beschäftigt. Konzerne investieren viel, um ihr wirtschaftliches Risiko klein zu halten. Für Menschen, die von Unternehmensentscheidungen betroffen sind, sieht die Absicherung deutlich dünner aus.
Nach deutschem Konzernrecht haftet eine Muttergesellschaft nicht automatisch für das, was in einer Tochterfirma passiert. Das deutsche Lieferkettengesetz sollte das eigentlich zumindest abmildern, wurde aber Anfang 2026 deutlich entschärft. Die jährliche Berichtspflicht ist rückwirkend bis 2023 komplett entfallen, und Bußgelder drohen künftig nur noch bei schweren Menschenrechtsverstößen, nicht mehr bei Umweltverstößen. Grundpflichten bestehen zwar formal weiter, doch ohne Berichtspflicht und mit deutlich geringerem Sanktionsdruck fehlt vielen Unternehmen der Anreiz, sich daran zu halten. Die Richtung ist damit klar: mehr Entlastung für Konzerne, nicht mehr Schutz für Betroffene.
Das Muster lässt sich so zusammenfassen: Für den eigenen Ruf wird viel getan. Für die Menschen, die durch Fehlverhalten in der Produktion oder durch täuschende Produkte betroffen sein könnten, deutlich weniger.
Warum selbst der Staat hier kaum hilft
Man könnte hoffen, dass zumindest staatliche Register für Klarheit sorgen. Das deutsche Transparenzregister sollte genau das leisten, indem es die wirtschaftlich Berechtigten hinter Unternehmen offenlegt. Seit einem EuGH-Urteil aus dem Jahr 2022 ist der Zugang für die Öffentlichkeit aber stark eingeschränkt. Wer Einsicht nehmen möchte, muss ein berechtigtes Interesse nachweisen, ein einfaches Verbraucherinteresse reicht dafür in der Praxis nicht aus.
Selbst Journalistinnen und Journalisten, die Konzernstrukturen professionell recherchieren, greifen deshalb auf mehrere Quellen gleichzeitig zurück, etwa Handelsregister, Bundesanzeiger und spezialisierte Datenbanken. Diese Recherche ist aufwendig und benötigt Zeit. Für den schnellen Check im Supermarkt taugt sie nicht.
Was du trotzdem tun kannst
Trotzdem bist du nicht ohnmächtig.
Es gibt Tools, die einen Teil der Arbeit abnehmen, auch wenn keines davon perfekt ist. Welche Scan-Apps sich für den Alltag eignen, um Produkte direkt beim Einkaufen zu prüfen, habe ich auf der Seite Apps: Essen, Trinken und Einkaufen bereits zusammengestellt.
Das Portal wer-zu-wem.de listet Hersteller hinter Eigenmarken, zeigt dabei aber nur die Herstellerebene, nicht die Konzernmutter darüber. Für die Frage, wer wirklich hinter einem Produkt steckt, bleibt das an der entscheidenden Stelle zu flach.
Was mir am meisten hilft, ist eine eigene Merkliste. Mit einer Scan-App kannst du Barcodes einlesen und dir Notizen zu einzelnen Produkten anlegen, statt bei jedem Einkauf neu zu recherchieren. Einmal geprüft, ist die Information gespeichert und beim nächsten Mal sofort zur Hand. So hätte ich mir den Ärger mit dem Gouda sparen können.
Wichtig dabei: Du musst nicht alles wissen. Bei tausenden Produkten im Supermarkt ist Vollständigkeit kein realistisches Ziel. Konzentriere dich auf die zwei, drei Unternehmen, die dir wirklich wichtig sind, und lass den Rest bewusst offen. Das ist keine halbe Lösung, sondern die einzige, die im Alltag tatsächlich durchführbar ist.
Wenn du wissen willst, wie sich einzelne Konzerne über Klimadebatten und CO2-Bilanzen aus der Verantwortung ziehen, findest du dazu mehr in meinem Artikel Die CO₂-Ablenkung: Wie Konzerne uns die Schuld zuschieben.
Mehr Klarheit trotz Unübersichtlichkeit
Das Wissen um dieses Ungleichgewicht verändert etwas. Wer versteht, warum Konzernstrukturen so undurchsichtig sind, macht sich nicht mehr selbst für die eigene Unwissenheit verantwortlich. Und wer sich eine kleine, persönliche Liste aufbaut, gewinnt an genau der Stelle wieder Überblick, an der das System keine Klarheit vorgesehen hat. Das ist kein großer Schritt, aber ein spürbarer.
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