Vor Kurzem saß ich mit einer Bekannten zusammen. Sie erzählte mir, wie spannend sie das findet, was ich mit das geht besser mache. Ehrlich begeistert, keine Höflichkeitsfloskel. Und dann, im gleichen Atemzug: Dafür hätte sie selbst einfach keine Zeit und auch nicht den Kopf frei. Zu viel los gerade.
Ich habe ihr gesagt: Dann fang doch mit einer einzigen, winzigen Sache an. Kauf zum Beispiel kein Backpapier mehr, fette deine Formen und Bleche einfach direkt oder rühr dir eine Backtrennpaste an, dauert zwei Minuten.
Sie hat genickt. Freundlich, zustimmend, interessiert. Ihr Gesicht hat etwas ganz anderes erzählt. Überforderung. Und, ganz ehrlich, auch ein bisschen Unwille.
Das hat mich beschäftigt. Nicht, weil ich beleidigt war, sie wird sicher weiterhin Backpapier kaufen und das ist ihr gutes Recht. Sondern weil mir aufgefallen ist, wie oft mir das passiert. Zustimmung, Interesse, “finde ich total wichtig, was du machst” und dann: nichts. Keine Backtrennpaste, kein anderes Waschmittel, keine Veränderung beim eigenen Verhalten.
Ich kenne das Muster, nur aus einer anderen Richtung
Vor einiger Zeit habe ich hier schon einmal aufgeschrieben, warum ich selbst manchmal weitermache wie bisher, obwohl ich es besser weiß. Ich erwische mich bei Rationalisierungen, folge mal meinen eigenen Ausreden und mal nicht, so wie wohl wir alle. Damals ging es um mich, um meine eigenen inneren Widersprüche.
Jetzt sehe ich eine zweite Seite derselben Medaille, und die betrifft nicht mich, sondern das, was bei euch ankommt. Oder eben nicht ankommt. Zustimmung ist offenbar keine Einbahnstraße zu Verhalten. Man kann etwas richtig finden, mich richtig finden, und trotzdem an der eigenen Backpapierrolle festhalten, als wäre sie an die Kücheneinrichtung angewachsen.
Zustimmung ist noch lange nicht Handlung
Ich habe mich gefragt, warum das so ist, und die Antwort liegt eigentlich schon in etwas, das ich woanders ausführlich beschrieben habe. In Warum du kaufst, was du kaufst – und wer das wirklich entscheidet zeige ich neun psychologische Muster, die unser Kaufverhalten so stark beeinflussen, dass es sich wie ein Autopilot anfühlt. Zwei davon erklären ziemlich genau, was im Gespräch mit meiner Bekannten passiert ist.
Das eine ist der Single-Action-Bias: Eine gute Handlung, ein Gespräch, ein interessierter Blick auf mein Instagram-Profil, kann für das Gehirn schon wie eine erledigte Aufgabe wirken. “Ich habe mich informiert, ich finde das wichtig” fühlt sich fast so an, als hätte man bereits etwas verändert. Das Gewissen bekommt seine Streicheleinheit, ohne dass sich im Küchenschrank auch nur irgendetwas bewegt.
Das andere ist der Status-Quo-Bias. Das Gehirn vergleicht ständig, ob eine Veränderung den eigenen Status verbessert oder verschlechtert, und jede Veränderung fühlt sich erst einmal wie ein Verlust an, selbst wenn objektiv nichts verloren geht. Backpapier ist bekannt, bequem und funktioniert. Eine Backtrennpaste selbst anzurühren ist neu, unbekannt, und damit im Kopf erst einmal ein Risiko, auch wenn es tatsächlich nur zwei Minuten und drei Zutaten sind. Und es funktioniert, glaubt mir.
Beides zusammen ergibt genau das Gesicht, das meine Bekannte gemacht hat. Nicht Ablehnung von mir oder dem Thema. Sondern ihr Gehirn, das ganz automatisch auf die Bremse tritt, bevor der Kopf überhaupt richtig zugehört hat.
Das ist keine persönliche Enttäuschung, für keine von uns beiden
Ich will damit niemandem einen Freifahrtschein ausstellen, dazu komme ich gleich noch. Aber diese Erkenntnis nimmt mir zumindest den Stachel aus dem “warum wirkt das, was ich tue, eigentlich nicht”. Es liegt nicht daran, dass meine Inhalte uninteressant wären oder ich die falschen Worte fände. Es liegt an einem sehr alten, sehr menschlichen Reflex, der bei uns allen gleich funktioniert, bei mir übrigens genauso.
Und das gilt auch für meine Bekannte. Ihr Nicken war nicht gelogen. Ihr Unwille beim Gedanken an die Backtrennpaste auch nicht. Beides war gleichzeitig wahr.
Trotzdem: Verstehen ist kein Selbstgänger, sondern eine Starthilfe
Jetzt kommt der Teil, der mir wichtig ist: Es wäre zu einfach, den Artikel hier enden zu lassen mit “wir sind halt alle nur Menschen, so ist das eben”. Das würde am Ende genau das bedienen, was ich gerade erklärt habe: Der Artikel selbst würde zur guten Tat, die das Gewissen beruhigt, ohne dass irgendwer irgendetwas tut. Verständnis statt Handlung. Genau das will ich nicht.
Denn darum geht es mir nicht. Es geht nicht darum, dass wir uns gegenseitig bestätigen, wie verständlich unser Nichtstun ist. Es geht darum, den einen Punkt zu finden, an dem die Bequemlichkeit gerade noch klein genug ist, dass man sie überwinden kann. Nicht mit Willenskraft, sondern mit einer Aufgabe, die so winzig ist, dass die Bremsen in unserem Kopf gar nicht erst greifen.
Die eine Sache für heute
Also, ganz konkret. Kein “informier dich mal”, kein “überleg dir, was du ändern könntest”. Eine einzige Handlung, diese Woche, nicht irgendwann:
Beim nächsten Waschgang gibst du statt Weichspüler ein bis zwei Esslöffel ganz normalen Haushaltsessig ins Weichspülfach. Das ist es. Mehr nicht. Kein neues Produkt kaufen, keine Recherche, kein Umgewöhnen. Der Essig glättet die Fasern, riecht nach dem Trocknen nicht nach Essig, und du hast in einem einzigen Waschgang herausgefunden, ob das für dich funktioniert.
Das ist der ganze Trick. Nicht das große Umkrempeln, sondern der eine Griff, der sich kaum von der Gewohnheit unterscheidet, aber eben doch ein anderer ist.
Was danach kommt, kommt später
Falls du magst: Bevor du das nächste Mal automatisch zur Weichspülerflasche greifst, wenn sie zur Neige geht, halt kurz inne und frag dich, ob du sie eigentlich neu kaufen würdest, wenn du heute zum ersten Mal vor dem Regal stündest. Nicht jetzt, nicht bei diesem einen Waschgang. Erst dann, wenn der Essig-Versuch längst gelaufen ist und sich wie eine normale Woche angefühlt hat. Die große Frage kommt nach der kleinen Handlung, nicht gleichzeitig mit ihr. Sonst überfordert am Ende genau das, was eigentlich leicht sein sollte.
Wenn du merkst, dass eine Änderung Lust auf mehr macht, schau gern öfter hier vorbei. Genau aus solchen Gesprächen wie dem mit meiner Bekannten entsteht das, was ich in der Werkstatt weiterführe: gemeinsam den nächsten kleinen Schritt finden, statt allein vor der Backpapierrolle zu stehen.
Meine Bekannte hat das Backpapier übrigens noch nicht aufgegeben. Aber sie hat mir letzte Woche geschrieben, dass sie den Essig-Trick ausprobiert hat. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
Weniger Autopilot beim Einkaufen.
Ich zeige dir, wie Handel, Werbung und Gewohnheiten unsere Entscheidungen beeinflussen und welche kleinen, realistischen Schritte dir wieder mehr Klarheit und Spielraum geben. Ohne Schuldgefühl, ohne Perfektionsdruck.
Zum Einstieg bekommst du meine Checklisten für Küche & Bad. Danach schreibe ich dir, wenn ich etwas wirklich Nützliches zu Konsum, Alltag und Selbstbestimmung zu sagen habe.