Ein Obstbauer im Alten Land lässt inzwischen einen Teil seiner Kirschen ungeerntet am Baum hängen. Pflücken lohnt sich nicht mehr, wenn die Kosten höher sind als das, was der Markt zahlt. In einem Brandbrief wenden sich die Obstbauern der Region an Politik, Handel und Verbraucher. Auf Facebook geht es dazu schnell in die immer gleiche Richtung: Schuld ist das System, Schuld ist der Verbraucher, Schuld ist die EU, Schuld sind die Subventionen, oder eben deren Fehlen.
Ich finde diese Schuldfrage zu einfach. Nicht weil keiner Verantwortung trägt, sondern weil fast alle ein Stück davon tragen und trotzdem jeder für sich genommen ziemlich vernünftig handelt.
Ein kleiner Sektor, der schon lange importiert
Bevor man über Schuld spricht, lohnt sich ein Blick auf die Ausgangslage. Obst und Gemüse wachsen nur auf einem sehr kleinen Teil der deutschen Agrarfläche, deutlich unter fünf Prozent. Der größte Teil des Bodens geht in Getreide und Futteranbau für Tiere. Bei Obst deckt die heimische Erzeugung schon länger nur einen kleinen Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs, bei Gemüse ist es etwas mehr, aber auch hier bleibt Deutschland stark importabhängig. Das ist kein neues Problem, das durch einen einzelnen schlechten Sommer entstanden ist. Es ist ein struktureller Dauerzustand, der sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat.
Vier Seiten, vier eigene Logiken
Wer nach dem einen Schuldigen sucht, übersieht, dass hier mehrere legitime Interessen aufeinandertreffen.
Die Politik ist nicht untätig. Auf EU-Ebene gibt es weiterhin Flächenprämien und Zusatzförderung für junge Betriebe, gekoppelt an wachsende Umwelt- und Klimaauflagen. In Deutschland steigt gleichzeitig der gesetzliche Mindestlohn in mehreren Schritten deutlich an, was bei Kulturen wie Kirschen, die viel Handarbeit benötigen, einen Großteil der Erntekosten ausmacht. Förderung und Lohnkostensteigerung laufen also parallel, in entgegengesetzte Richtungen. Ein echter Zielkonflikt.
Der Handel wiederum konzentriert sich seit Jahren immer weiter auf wenige große Ketten, die zusammen den überwiegenden Teil des deutschen Lebensmittelmarkts kontrollieren. Deutsche Landwirte bekommen im Schnitt einen deutlich kleineren Anteil der Wertschöpfung ab (18%) als der EU-Durchschnitt (27%). Der Vorwurf, der Handel drücke die Preise, ist also nicht gefühlt, sondern belegbar.
Die Landwirte selbst haben es vielerorts versäumt, unabhängiger vom Handel zu werden. Direktvermarktung jenseits des Verkaufswagens an der Straße bleibt selten, obwohl es längst funktionierende Modelle gibt: Abokisten, Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), Hofautomaten, digitale Erzeugerplattformen. Wer in eigene Vermarktung und eine eigene Marke investiert, macht sich weniger abhängig vom Preisdiktat des Handels. Das kostet Zeit und Geld, aber es ist möglich.
Stattdessen fordern die Obstbauern gemeinsam mit anderen Agrarverbänden etwas anderes: einen Mindestlohn-Abschlag für Saisonarbeitskräfte, also ein Einfrieren des Lohns für genau die Menschen, die die Kirschen von Hand pflücken. Das Bundesarbeitsministerium lehnt das ab, und Kai Schwabe von der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt findet noch deutlichere Worte: Man solle nicht bei den Ärmsten anfangen zu sparen, bei denen, die bei Wind und Wetter arbeiten und ihre Familien davon ernähren.
Wer auf alternative Vermarktung verzichtet und beim Preisdiktat des Handels bleibt, trifft zumindest noch eine Entscheidung mit eigenem Spielraum, auch wenn dieser Spielraum klein ist. Wer beim Mindestlohn der Pflücker spart, verschiebt das eigene Problem einfach nach unten, zu denen, die von allen Beteiligten am wenigsten Verhandlungsmacht haben.
Und die Verbraucher predigen gern Regionalität, kaufen am Regal dann aber doch oft nach Preis. Ein großer Teil der Menschen sagt, ihnen sei regionale Herkunft wichtig, gleichzeitig ist das Preisbewusstsein beim Einkauf kürzlich wieder gestiegen. Diese Lücke zwischen Anspruch und tatsächlichem Griff ins Regal ist real, und sie trifft die kleinen, regionalen Betriebe zuerst.
Der Klimawandel macht es nicht leichter
Als wäre das nicht genug, kommt der Klimawandel hinzu. Spätfröste treffen auf früher blühende Bäume, Hitze und Trockenheit sorgen für Sonnenbrand an Früchten, Starkregen und Hagel nehmen zu. Und wer glaubt, mit Importware dem Problem auszuweichen, irrt: Auch die Anbauregionen im Süden, aus denen ein Großteil der günstigen Kirschen kommt, kämpfen zunehmend mit Hitze und Wasserknappheit. Das Risiko verschiebt sich dann nur geografisch, es verschwindet nicht. Viele Obstbaubetriebe reagieren bereits mit Frostschutzberegnung, Wasserspeicherbecken, Hagelnetzen und robusteren Sorten. Das zeigt, dass sich hier schon etwas bewegt. Es zeigt aber auch, dass die Betriebe zusätzliche Investitionen stemmen müssen, während der Preisdruck von anderer Seite gleich bleibt.
Der Klimawandel vereinfacht die Rechnung also nicht, er macht sie enger. Zu den Kosten für Löhne und Handel kommen jetzt auch noch die Kosten für Frostschutz, Wasserspeicher und Hagelnetze hinzu, während am anderen Ende des Marktes der Preis nicht mitwächst. Genau an diesem Punkt stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Ausweg aus dieser Lage gibt.
Das faire Szenario, und warum es wahrscheinlich nicht kommt
Ein Ausweg wäre erkennbar, wenn alle Beteiligten gleichzeitig etwas abgeben würden. Landwirte investieren in eigene Vermarktung, Handel gibt einen fairen Teil der Wertschöpfung ab, Politik verzahnt Förderung und Lohnpolitik sinnvoller, Verbraucher übersetzen ihre erklärte Wertschätzung tatsächlich in Kaufentscheidungen.
Ich habe wenig Zuversicht, dass das so passiert. Zu oft wartet jede Seite darauf, dass die andere den ersten Schritt macht. Der Handel wartet auf zahlungsbereite Kunden, bevor er von Billigpreisen abrückt. Verbraucher warten auf günstigere regionale Ware, bevor sie ihr Verhalten ändern. Landwirte warten auf verlässliche Politik, bevor sie in teure Vermarktung investieren. Das ist kein moralisches Versagen einzelner Gruppen, sondern ein klassisches Muster, bei dem sich am Ende oft niemand bewegt.
Realistischer ist ein Trend, der schon länger läuft: Die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich, während die verbleibenden Betriebe größer werden. Das Höfesterben im Alten Land wäre dann kein neues Kapitel, sondern die Fortsetzung eines alten.
Was im Kleinen trotzdem entsteht
Es gibt aber auch eine Gegenbewegung, die sich nicht in Statistiken über Agrarpolitik zeigt, sondern in privaten Gärten. In Deutschland gibt es rund 17 Millionen Gärten mit einer Gesamtfläche von etwa 6.800 Quadratkilometern, das entspricht ungefähr einer Million Fußballfeldern. Zum Vergleich: Die gesamte kommerzielle Anbaufläche für Obst und Gemüse im Land liegt bei nur rund 200.000 Hektar, also 2.000 Quadratkilometern. Private Gärten sind damit flächenmäßig mehr als dreimal so groß wie der gesamte professionelle Obst- und Gemüseanbau Deutschlands zusammen. Insbesondere seit Corona wächst das Interesse am essbaren Garten wieder deutlich, weg vom reinen Ziergrün, hin zu Hochbeeten, Kräutern und eigenem Gemüse.
Ich spreche hier nicht nur über andere. Ich habe selbst einen Gemüsegarten, der meinen Mann und mich sehr gut mit dem versorgt, was wir gern essen. Dazu kommt, dass ich mir über die Zeit viel Wissen rund ums Haltbarmachen angeeignet habe. Zusammen sorgt das dafür, dass wir inzwischen deutlich weniger aus dem Supermarkt kaufen müssen als früher.
Das ersetzt keine Agrarpolitik und keine faire Preisbildung im Handel. Ein Garten löst nicht das strukturelle Problem des Alten Landes. Aber er zeigt, dass man nicht auf die große gemeinsame Lösung warten muss, um selbst etwas zu verändern. Während oben die Verantwortung zwischen Politik, Handel, Landwirten und Verbrauchern hin- und hergeschoben wird, kann man im eigenen Garten schon anfangen.
Der Garten ist nur ein Beispiel dafür, wie man unabhängiger wird. In meinem Newsletter zeige ich regelmäßig weitere.