Über 50 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr, täglich mehr als zwei Millionen geschlachtete Tiere, 30 Prozent der deutschen Landfläche für Futtermittel: Die Zahlen rund um Fleischkonsum und Fleischproduktion sind bekannt, und trotzdem sinken sie kaum. Dieser Artikel legt die Fakten offen, von der Produktion über Futtermittel, Tierwohl, Boden und Klima bis zur Frage, was das für deine Kaufentscheidung bedeutet.
Fleischproduktion in Deutschland
Nach sieben Jahren mit rückläufiger Produktion steigt die gewerbliche Fleischproduktion in Deutschland laut Statistischem Bundesamt wieder. Der jahrelange Trend nach unten ist gestoppt. Insgesamt werden täglich mehr als zwei Millionen Tiere geschlachtet.
Fleischkonsum in Deutschland
Der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch liegt laut aktueller Fleischbilanz der BLE bei über 53 Kilogramm pro Jahr. Nach Jahren des Rückgangs steigt der Konsum wieder.
Den größten Anteil hat Schweinefleisch, gefolgt von Geflügel und Rind. Geflügelfleisch, insbesondere Hühnchen, wächst am stärksten.
Jede* isst rund 1 Kilo Fleisch pro Woche
Auf den Tag heruntergerechnet sind das knapp 150 Gramm Fleisch, für jede Person, egal ob Säugling oder Senior. Das entspricht gut einem Kilo pro Woche. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt maximal 300 Gramm pro Woche, also weniger als ein Drittel des tatsächlichen Konsums.
Wichtig bei diesem Durchschnittswert: Er schließt Vegetarier*innen, Veganer*innen und alle ein, die selten Fleisch essen. Der reale Konsum der Fleischessenden liegt entsprechend deutlich höher.
Fleischverbrauch ist viel höher
Die oben genannte Zahl erfasst nur, was wir direkt essen. Der gesamte Fleischverbrauch pro Kopf liegt laut BMEL-Statistik deutlich höher. Hinzu kommen Fleisch für Tierfutter, industrielle Verwertung etwa für Gelatine sowie Verluste in Produktions- und Handelsketten.
Im- und Export von Tieren und Fleisch
Deutschland importiert und exportiert sowohl lebende Tiere als auch Fleisch und Fleischwaren in erheblichem Umfang. Aktuelle Zahlen zeigt die BMEL-Statistik jeweils zum Jahresabschluss.
Selbstversorgergrade
Deutschland produziert beim Fleisch erheblich mehr, als es selbst verbraucht. Der Selbstversorgungsgrad liegt laut BMEL-Statistik bei über 100 Prozent, wir sind also Netto-Exporteur, obwohl der eigene Konsum bereits zu hoch ist.
Bei Obst und Gemüse sieht es umgekehrt aus. Hier produzieren wir einen Bruchteil dessen, was wir essen:
- Selbstversorgungsgrad Obst: rund 18%
- Selbstversorgungsgrad Gemüse: rund 40%
Warum wir mehr saisonal essen sollten und was das konkret bedeutet, habe ich in diesem Artikel beschrieben.
Futtermittelproduktion
Flächennutzung in Deutschland
Rund die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Von diesen Flächen entfallen 60 Prozent auf die Futtermittelproduktion. Das bedeutet: 30 Prozent der gesamten Fläche Deutschlands produzieren Futter für Nutztiere. Zum Vergleich: Das entspricht ungefähr der Fläche Brandenburgs.
Die Hälfte davon ist Grünland, also Wiesen, die mehrmals im Jahr gedüngt und gemäht werden. Auf der anderen Hälfte wachsen Futterpflanzen wie Mais, Gerste und Weizen.
Im- und Exporte bei Futtermitteln
Der größte Teil der Futtermittel für deutsche Nutztiere wird in Deutschland produziert. Die mengenmäßig wichtigsten sind Silomais, Gras, Getreide und Raps. Bei Soja sieht es anders aus.
Soja gedeiht inzwischen auch in Süddeutschland, reicht aber bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Deutschland importiert daher jährlich mehrere Millionen Tonnen Soja, vorwiegend aus den USA und Brasilien. Importiertes Soja deckt damit etwa 14 Prozent des gesamten Eiweißbedarfs in der deutschen Nutztierhaltung ab.
Weltweit wurde Soja zuletzt auf einer Fläche angebaut, die dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland ist, und der Bedarf steigt weiter. 80 Prozent der weltweit produzierten Sojabohnen stammen aus den USA, Brasilien und Argentinien. Für die wachsenden Anbauflächen wurden und werden riesige Wald- und Savannenflächen umgewandelt.
Die importierten Sojabohnen sind außerdem fast ausnahmslos gentechnisch verändert. In den USA beträgt der Anteil gentechnisch veränderter Sojabohnen an der Gesamtproduktion 95 Prozent, in Brasilien 98 Prozent.
Die EU treibt nachhaltigen Sojaanbau voran, doch laut einer Untersuchung von WWF Deutschland und IUCN bestehen die Mängel in der Sojaproduktion weiter. Es gibt verschiedene Initiativen, auch in Deutschland mehr eiweißhaltige Futterpflanzen anzubauen. Solange die Viehbestände so hoch bleiben, werden die Nutztierhalter aber auf Soja-Importe angewiesen bleiben.
Massentierhaltung
Tierwohl
Nach diversen Skandalen zu Haltungsbedingungen, Schlachtmethoden und Qualzuchten muss man anerkennen: Von „Tierwohl” und „artgerechter Haltung” kann in der Praxis häufig keine Rede sein. Tiere sind ein Wirtschaftsfaktor und werden oft auch so behandelt. Das gilt für konventionelle Betriebe genauso wie für Bio.
Wir gehen häufig davon aus, dass es Tieren in großen Industriebetrieben schlechter geht als in kleinen. Wissenschaftlich lässt sich das so pauschal nicht belegen. Es kommt vor allem auf das Können und Engagement der tierhaltenden Person an. Dennoch gibt es Ausnahmen: Weidehaltung bei Milchkühen, Stroh bei Schweinen und Freilandzugang bei Legehennen sind in kleinen Betrieben häufiger anzutreffen, schon allein weil große Bestände kaum ausreichend Fläche bieten können.
Begriffe wie „Tierwohl” oder „artgerechte Haltung” dürfen in Deutschland bereits dann verwendet werden, wenn nicht gegen gesetzliche Mindestanforderungen verstoßen wird. Die sind allerdings nicht im Sinne der Tiere ausgestaltet. Das Nationale Tierwohl-Monitoring (NaTiMon) hat seine Ergebnisse dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft übergeben. Passiert ist seitdem wenig.
Ein Beispiel macht das greifbar: Einem Mastschwein zwischen 50 und 110 Kilogramm stehen in konventioneller Haltung mindestens 0,75 Quadratmeter zu. Für zusätzliche 0,15 Quadratmeter, etwas mehr als zwei DIN-A4-Blätter, gibt es bereits ein „Tierwohlkennzeichen”. In der ökologischen Tierhaltung sind es 1,1 bis 1,3 Quadratmeter, plus Pflicht zum Außenauslauf. Quelle: nutztierhaltung.de
Ein zweites Beispiel: Legehennen in der Haltungsform „Bodenhaltung” stehen 0,11 Quadratmeter zu, ungefähr zwei nebeneinanderliegende DIN-A4-Blätter. Freilandzugang gibt es nicht. Über 65 Prozent der Legehennen in Deutschland leben so.
Die „Initiative Tierwohl” (ITW), ein Zusammenschluss aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel, hat ein Siegel eingeführt. Solange die gesetzlichen Mindestanforderungen so niedrig bleiben, ist das vor allem eine Marketingmaßnahme.
Beim Einkaufen lohnt es sich, genau hinzuschauen, wenn ländliche Idylle und glückliche Tiere versprochen werden. Orientierung bieten die Bio-Verbände Demeter, Naturland und Bioland, deren Standards über den gesetzlichen Mindestanforderungen liegen.
Boden
Das alte Prinzip des Bauernhofs, auf dem Tierexkremente den Boden düngen, der Futter und Ernte trägt, gilt heute nur noch auf streng bewirtschafteten Bio-Betrieben. Überall sonst wird mit synthetischen Düngern gearbeitet, die unter anderem aus Erdöl hergestellt werden. Die großen Viehbestände produzieren so viel Gülle, dass ihre Entsorgung ein eigenständiges Problem ist.
Jahrelang wurde zu viel Gülle auf Feldern und Wiesen ausgebracht. Die Folge: In vielen Regionen treten im Trinkwasser zu hohe Nitratkonzentrationen auf. Für Wasserwerke ist es zunehmend schwierig, den gesetzlichen Grenzwert einzuhalten. Aus Nitrat entstehen Nitrosamine, die im Verdacht stehen, Krebs zu begünstigen.
An vielen Stellen in Deutschland ist der Boden durch jahrelange intensive Nutzung ausgelaugt. Sinkende Ernteerträge führen zu mehr Düngereinsatz, mehr Düngereinsatz schadet dem Boden weiter. Dieser Kreislauf lässt sich nur durchbrechen, wenn Böden wieder besser gepflegt, Humus geschützt und die Bewirtschaftungsintensität gesenkt wird.
CO₂-Ausstoß
Wenn wir von CO₂-Ausstoß sprechen, ist das eigentlich eine Vereinfachung. Korrekt wäre der Begriff CO₂-Äquivalente (CO₂e), denn neben Kohlendioxid spielen in der Landwirtschaft zwei weitere Klimagase eine zentrale Rolle: Methan und Lachgas.
Die Landwirtschaft ist laut Umweltbundesamt für 75,7 Prozent der gesamten Methanemissionen und 74,5 Prozent der Lachgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Beide Gase sind deutlich klimaschädlicher als CO₂:
- Methan (CH₄) ist rund 28-mal so klimaschädlich wie CO₂ und macht rund 62 Prozent der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen aus. Es entsteht vor allem bei Verdauungsprozessen von Wiederkäuern (47 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen) sowie beim Wirtschaftsdüngermanagement.
- Lachgas (N₂O) ist rund 265-mal so klimaschädlich wie CO₂ und macht rund 34 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen aus. Es entsteht vor allem bei der Ausbringung von mineralischen und organischen Düngern.
Insgesamt kommt die Landwirtschaft auf rund 9 Prozent der deutschen Gesamtemissionen, zwei Drittel davon durch die Viehhaltung. Hinzu kommen Emissionen, die in anderen Ländern für die Futtermittelproduktion entstehen, etwa durch Waldrodung und Bodenverbrauch. Diese werden in der deutschen Bilanz nicht erfasst, gehen aber auf unser Konto.
Wer tiefer einsteigen möchte: Das Methan-Dossier des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft liefert mehr Details zu Methanemissionen und Reduktionsbemühungen.
Pestizide
Auf einem Großteil der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland werden mehrmals im Jahr Pestizide ausgebracht. Pestizide sind chemisch-synthetische Stoffe, die gezielt auf unerwünschte Pflanzen (Herbizide), Insekten (Insektizide) oder Pilze (Fungizide) wirken. Ihr Einsatz soll Ernteausfälle minimieren, hat aber weitreichende Folgen.
Laut Pestizidatlas der Heinrich-Böll-Stiftung und des BUND lassen sich Spuren von Pestiziden nicht nur in Lebensmitteln und Getränken nachweisen, sondern auch in der Luft, im Grundwasser, im Gras auf Spielplätzen und im menschlichen Urin. Die Giftstoffe bleiben selten dort, wo sie ausgebracht werden, sondern werden durch Wasser und Wind weit transportiert.
Weltweit erkranken jährlich rund 385 Millionen Menschen an Pestizidvergiftungen, bis zu 11.000 sterben daran. Wissenschaftliche Studien belegen erhöhte Risiken für Krebs, Diabetes, Asthma, Allergien und Hormonstörungen. Auch die Artenvielfalt leidet: Die Gesamtmasse an Fluginsekten in Deutschland hat seit Ende der 1980er Jahre um mehr als 75 Prozent abgenommen. Über die Hälfte der Wildbienenarten ist in ihrem Bestand gefährdet. Eine Studie des NABU zeigt, dass Insekten selbst in Naturschutzgebieten nicht sicher sind.Â
Mehr zum weltweiten Pestizideinsatz bei der Heinrich-Böll-Stiftung.
Wasserverbrauch
Immer wieder kursieren Zahlen, wie viel Wasser die Fleischproduktion verbraucht. Ein Kilo Rindfleisch soll demnach über 15.000 Liter Wasser beanspruchen, Schweinefleisch knapp 5.000 und Geflügel rund 4.000 Liter. Diese Zahlen stammen vom Water Footprint Network und sind nicht falsch, aber erklärungsbedürftig. Was genau eingerechnet wird und warum die Methodik komplex ist, kannst du hier nachlesen.
Die kurze Version: Gemüse aus Deutschland hat eine bessere Wasserbilanz als Fleisch, egal woher es kommt.
Verantwortung übernehmen
Landwirtschaft ohne Emissionen wird es nicht geben, und das ist auch kein realistisches Ziel. Aber wie andere Sektoren muss auch die Landwirtschaft ihren Teil dazu beitragen. Gefordert sind die Politik, die Landwirt*innen selbst und die Lebensmittelindustrie. Und wir als Verbraucher*innen sitzen an einer entscheidenden Stelle: Mit unserer Nachfrage können wir Produzenten, Verarbeiter und Handel unter Druck setzen, andere Produkte anzubieten.
Die Ökobilanz ist eindeutig
Pflanzliche Lebensmittel haben grundsätzlich eine bessere Ökobilanz als Fleisch, Fisch oder Käse. Kaffee ist eine der wenigen Ausnahmen. Auch bei der Produktion von Pflanzen läuft nicht alles reibungslos, aber selbst Bio-Fleisch schneidet schlechter ab als pflanzliche Alternativen. Wer sich die Daten selbst ansehen möchte: Our World in Data hat dazu eine der umfangreichsten öffentlichen Datensammlungen.
Was das für dich bedeutet
Bedeutet das, nie wieder Fleisch, Fisch oder Käse zu essen? Das ist deine Entscheidung. Niemand kann oder will sie dir abnehmen. Aber du hast jetzt die Fakten, um sie bewusst zu treffen: für dich, für die Mitgeschöpfe und für die Umwelt.
Ein paar konkrete Wege, die keinen Verzicht, sondern eine Verschiebung bedeuten:
- Weniger, aber bewusster: Fleisch als Beilage statt als Hauptgericht
- Fleischsorte wechseln: Geflügel hat eine deutlich bessere Klimabilanz als Rind
- Herkunft beachten: Bio-Verbände wie Demeter, Naturland und Bioland setzen höhere Standards bei Tierwohl und Flächennutzung
- Saisonal und regional einkaufen und essen
- Hülsenfrüchte als Eiweißquelle: Linsen, Kichererbsen und Bohnen sind klimafreundlich, günstig und sättigend
Und falls du noch 12 Minuten Zeit hast: Dieses Video beantwortet viele weitere Fragen rund um Fleischkonsum und seine Folgen.
Die Zahlen sind das eine. Was du heute damit anfangen kannst, steht hier unten.