Ich habe Hafermilch selbst gemacht. Im Kaffee mag ich sie nicht, also trinke ich meinen Espresso inzwischen schwarz. Beim Joghurt experimentiere ich noch: Die pflanzlichen Alternativen funktionieren bei mir bisher weder geschmacklich noch von der Konsistenz. Kuhmilch-Joghurt mache ich selbst, aber eben noch aus Kuhmilch. Alles andere als perfekt, aber das ist okay.
Ist Kuhmilch wirklich die große Umweltsünde, und sind pflanzliche Alternativen automatisch besser? Wer sich damit beschäftigt, merkt schnell: Es ist kompliziert. Hier sind die Fakten.
Kuhmilch: Die harte Realität hinter der Idylle
In Deutschland produzieren mehrere Millionen Milchkühe auf zehntausenden Betrieben jährlich weit über 30 Millionen Tonnen Milch. Obwohl der heimische Pro-Kopf-Verbrauch seit Jahren sinkt, bleibt die Produktion gewaltig, nicht zuletzt wegen des riesigen Exportmarkts.
Die Ökobilanz und das Futter-Problem
Studien des Umweltbundesamtes zeigen: Milchproduktion mit Weidegang und ökologischer Landwirtschaft schneidet besser ab als reine Stallhaltung. Der entscheidende Treiber für die Klimawirkung konventioneller Milch ist aber die Futtermittelproduktion.
Milchkühe benötigen große Mengen eiweißreiches Futter, vor allem Soja. Für den wachsenden weltweiten Sojabedarf der Massentierhaltung werden riesige Wald- und Savannenflächen in Brasilien und anderen Ländern unwiederbringlich zerstört. Wie massiv diese Auswirkungen sind, habe ich im Artikel Fleischkonsum und -produktion ausführlich beschrieben.
Tierleid und der Preisdruck im Supermarkt
Milch ist ein sogenannter Eckartikel: Kund*innen kennen den Preis auswendig und schließen daraus auf das Preisniveau des gesamten Supermarkts. Händler halten ihn deshalb bewusst niedrig, manchmal sogar unter den Produktionskosten. Für die Landwirt*innen bedeutet das anhaltenden Druck auf die Erzeugerpreise. Kleine Betriebe können unter diesen Bedingungen oft nicht mehr kostendeckend wirtschaften und geben auf.
Die Trennung von Mutterkuh und Kalb ist in der konventionellen Milchproduktion Standard. Kälber werden meist direkt nach der Geburt abgesondert und mit Milchpulver aufgezogen. Wenn sie im Milchviehbetrieb nicht gebraucht werden, gehen sie an Mastbetriebe.
Weiterhin gibt es die Anbindehaltung: Rund 10 Prozent der deutschen Milchkühe, das sind mehrere Hunderttausend Tiere, verbringen einen Teil oder ihr gesamtes Leben angekettet an einem festen Platz im Stall. Sie können sich weder umdrehen noch frei bewegen. Gesetzlich verboten ist das nicht.
Ein weiteres Problem ist die Hochleistungszucht. Moderne Milchkühe sind auf Leistung gezüchtet, was ihren Körper dauerhaft belastet. Bis zu 12.000 Liter Milch pro Jahr sind keine Seltenheit. Die Folge: Rund 75 Prozent der Tiere erkranken an Stoffwechselstörungen, Euterentzündungen oder Klauenproblemen. Die natürliche Lebenserwartung einer Kuh liegt bei bis zu 20 Jahren. Im Schnitt werden Milchkühe mit 5,3 Jahren geschlachtet, meist weil sie trotz Behandlung nicht mehr gesund werden. Viele Tierschützer*innen bezeichnen das als Qualzucht. Gesetzlich verboten ist auch das nicht.
Hinzu kommt ein steuerliches Kuriosum: Kuhmilch gilt gesetzlich als „unverarbeitetes Lebensmittel” und wird mit 7 Prozent besteuert. Pflanzendrinks fallen als „verarbeitete Lebensmittel” unter den vollen Satz von 19 Prozent. Das allein macht einen spürbaren Preisunterschied im Regal. Dazu kommen noch fehlende Skaleneffekte und weniger ausgereifte Produktions- und Lieferketten bei den pflanzlichen Drinks.
Dass die Drinks überhaupt „Drinks” heißen müssen und nicht „Milch”, ist ebenfalls kein Zufall. Seit einer EU-Verordnung von 2013, bestätigt durch den Europäischen Gerichtshof, ist der Begriff „Milch” ausschließlich für Produkte aus dem Euter von Tieren reserviert. Die Milchlobby hat seitdem versucht, diesen Schutz noch weiter auszudehnen, etwa um Verpackungsvergleiche mit Kuhmilch oder CO₂-Angaben zu verbieten. Dieser Vorstoß scheiterte 2021 an der EU-Kommission.
Die pflanzlichen Milchalternativen im Check
Viele Menschen steigen auf pflanzliche Alternativen um. Nicht jeder Drink ist dabei automatisch die bessere Wahl.
- Sojamilch hat einen deutlich besseren Ruf verdient, als sie ihn hat. Das Soja für die bei uns verkauften Drinks, insbesondere in Bio-Qualität, stammt meist aus Kanada, Europa oder sogar Deutschland und wird häufig aus Resten der Ölproduktion hergestellt. Für diese Sojamilch stirbt kein Regenwald. Das Abholzungsproblem liegt beim Soja für die Tierfütterung, nicht beim Soja für Pflanzendrinks.
- Mandelmilch ist keine gute Wahl. Für ein Kilo Mandeln werden in ohnehin trockenen Anbaugebieten wie Kalifornien rund 10.000 Liter Wasser verbraucht. Pro Liter Drink landen rund 371 Liter Wasser in der Bilanz. Die CO₂-Bilanz ist zwar besser als bei Kuhmilch, der Wasserverbrauch aber erschreckend hoch.
- Kokosmilch ist ökologisch durchwachsen. Kokospalmen brauchen wenig Wasser und wachsen ohne Pestizide, doch die langen Transportwege und teilweise problematischen Arbeitsbedingungen in den Anbauländern trüben die Bilanz.
- Reismilch klingt harmlos, ist es aber nicht. Reisfelder produzieren erhebliche Mengen Methan, eines der wirksamsten Klimagase. Die CO₂-Bilanz von Reismilch ist deshalb schlechter als die von Hafer- oder Sojamilch und liegt näher an Kuhmilch.
- Lupinen-, Erbsen- und Hanfdrinks sind die spannenden Neuentdeckungen. Diese Pflanzen sind anspruchslos, können regional angebaut werden und haben einen hohen Eiweißgehalt. Noch wenig verbreitet, aber mit viel Potenzial. Rezept Hanfmilch (Werkstatt)
- Haferdrink ist der Spitzenreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Hafer wächst hervorragend in Europa. Ein Liter Haferdrink verbraucht rund 13-mal weniger Wasser als ein Liter Kuhmilch und benötigt etwa ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche. Quelle: Oxford-Studie via Our World in Data. Wer beim Kauf auf Bio achtet, bekommt Haferdrink ohne Pestizidrückstände. Bei selbstgemachtem Haferdrink lässt sich das mit Bio-Haferflocken aus dem Supermarkt einfach und günstig umsetzen.
Fazit: Kuhmilch oder Pflanzendrink?
Viele Menschen steigen nicht aus Umweltgründen auf Pflanzendrinks um, sondern weil sie Laktose nicht vertragen oder bewusst weniger tierische Produkte konsumieren wollen. Beides sind völlig legitime Gründe. Wer auf Pflanzendrinks umsteigt, sollte aber auf den Kalziumgehalt achten: Kuhmilch liefert hier von Natur aus mehr als die meisten Alternativen. Viele Pflanzendrinks sind deshalb mit Kalzium angereichert, was bei Bio-Produkten seltener der Fall ist.
Der Umstieg auf pflanzliche Alternativen ist ein wirksamer Hebel, um Umweltbelastung zu senken und Tierleid zu vermeiden. Wer Pflanzendrinks kauft, sollte aber die Zutatenliste im Blick behalten: Versteckter Zucker und unnötige Zusatzstoffe finden sich auch hier.
Ob der Karton die richtige Verpackungswahl ist, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben: Sind Einweg-Glasbehälter besser als Weißblech, Tetrapak & Co.?
Am günstigsten und unabhängigsten ist es, Getreidedrinks einfach selbst zu machen. Mit wenigen Zutaten, für Cent-Beträge und ohne Verpackung.
Wie das genau geht und was dabei zu beachten ist, findest du in meinen Rezepten für Hafer- und für Hanfmilch in der Werkstatt.
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